Nach seiner Rückkehr aus Indien brauchte unser Korrespondent Tobi Neuhaus erstmal ein paar Tage, bis er die Sprache wiedergefunden hatte. “Krass” und “unglaublich” waren seine ersten Worte, dann folgte ein Reisebericht, den einige von euch bereits in der zweiten Kickerliebe-Printausgabe gelesen haben. Wer die verpasst hat, kann den Text hier nachlesen. Ein dickes Dankeschön geht an die Mitreisenden Volker Gröschl und Jörg Harms, die uns einige ihre Indien-Bilder zur Verfügung gestellt haben.
Ausnahmezustand an der Manav Mangal Smart School. Es ist früher Nachmittag in Chandigarh im Norden Indiens, der Unterricht vorbei. Hunderte von Schülern in der Aula rutschen aufgeregt auf ihren Stühlen hin und her. Am Eingang wartet das Empfangskomitee, Mädchen in leuchtenden Gewändern. Sie halten Körbe mit Blumenkränzen bereit und Schälchen mit roter Pulverfarbe. Es duftet süß. Die Mitschüler haben für den heutigen Tag Tänze und Lieder einstudiert, einige sogar ein Theaterstück. Lokale Berichterstatter beziehen Stellung, Rektoren benachbarter Schulen studieren ihre Redemanuskripte. Auch Staatsminister Ravneet Singh Bittu hat sich Zeit genommen. Kameras blitzen, ein Raunen geht durch die Reihen – endlich, die Gäste sind da: 23 Tischfußballspieler aus Deutschland.
„Tischfußball ist gut für die Leute.“
Tischfußball ist in Indien, einem Land ohne Kneipenkultur, in erster Linie Schulsport. Seine westliche Tradition verleiht ihm ein modernes Image, das auf Funktionäre und Unterstützer ausstrahlt. „Wir spielen Tischfußball, um zu zeigen, dass Indien ein fortschrittliches und offenes Land ist“, sagt Schulleiterin Harneet Singh beim Empfang der deutschen Delegation an der D. A. V. Public School in Parwanoo. Vishesh, ein aufgeweckter 13-Jähriger von der Cambridge School in Dhuri, beschreibt das Spiel sogar als Instrument sozialer Integration. „Tischfußball ist gut für die Leute. Es macht Spaß, und es kennt keine Kasten.“ Das klingt alles viel zu groß für diesen kleinen Sport. Indien, dieses viel zu groß geratene Land fühlt sich trotz Wirtschaftsboom und seiner gigantischen Größe noch immer zu wenig geachtet. Dem Tischfußballsport in Europa geht es ähnlich. Nach Jahrzehnte-langem Schattendasein organisieren sich immer mehr Cliquen und Klubs, die sich in Ligen und Verbänden national und global vernetzen. Der Sport entwickelt sich rasant, genau wie Indien. Vielleicht wächst da etwas zusammen und miteinander, was von einander nur profitieren kann.
Acht Tage dauert unsere Reise. Drei sind für die India Open eingeplant, die restlichen für den aussichtslosen Versuch, sich ein Bild von einem Land zu machen, das westliche Besucher im Minutentakt überwältigt, verzaubert oder erschüttert. Die Reise nach Südostasien ist ein Gegenbesuch, eingefädelt von Volker Gröschl (48). Der Vorsitzende des Hessischen Landesverbands steht schon seit Jahren in Kontakt mit Yadwinder Singh. Der 24-jährige ist Sekretär und der beste Spieler des noch jungen indischen Tischfußballverbands. Seit 2003 sammelt der TSFI auf internationalen Turnieren Kicker-Know-How und Kontakte. Zwei Mal war Yadwinder bei „Mr. Volker“ in Großwallstadt zu Besuch, und nun hat er eingeladen: zur zweiten India Open in seiner Heimatstadt Chandighar. Die Tagestouren führen nach Delhi, zum Megamausoleum Taj Mahal in Agra, hinauf in den Himalaya und zum Goldenen Tempel in Amritsa, dem höchsten Heiligtum der Sikh.
An Blitzlicht gewöhnt man sich.
Die Glaubengemeinschaft –man erkennt ihre Anhänger an den aufwändig gebundenen Turbanen – ist religiöse Minderheit und gesellschaftliche Elite zugleich. Auch Yadwinder, seine Kickerkollegen und auffallend viele TSFI-Offizielle tragen den traditionellen Kopfschmuck. Ihre Morgentoilette dauert deshalb locker eine Viertelstunde länger als die eines Durchschnittseuropäers. Unser Reisebus, halbwegs modern, holt das wieder rein. Aus den Fahrzeugen, an denen er vorbeirauscht, blicken staunende Gesichter. Kinder, die am Straßenrand spielen, winken uns nach. „Blow your horn“ empfiehlt eine Inschrift auf einem der vielen bunten Lastwagen, „Use dipper at night“ eine andere. Unser Fahrer braucht keine Ratschläge. Seine Hupe malocht bis zur Erschöpfung, verscheucht Geisterfahrer und alles, was zu langsam ist. Dazu morst die Lichthupe ein nervöses Alphabet. Die Straße vor uns leuchtet in der Dämmerung auf wie unter einem Stroboskop.
An Blitzlicht gewöhnt man sich rasch. Ob bei feierlichen Empfängen, auf der Straße oder am Kickertisch: Für eine Woche sind wir die vermutlich meistfotografierte Gruppe südlich des Himalajas. Begehrtes Motiv: die großgewachsenen Blondschöpfe, vor allem aber das Nesthäkchen unserer Gruppe, Torben Merz. Der 14-Jährige aus der Nähe von Großwallstadt ist die große Nachwuchshoffnung der deutschen Kickerzunft. Bei den offiziellen Ehrungen zum Turnier, wo vor allem Helfer und Funktionäre des indischen Verbandes Pokale und Medaillen einheimsen, wird auch Torben mit Preisen überhäuft. Die Kollegen, die jungen Inder, die Ehrengäste: alle applaudieren verzückt. Torben winkt ihnen zu. Sein Talent, sein smarter Look und sein bescheidenes Auftreten machen ihn zur idealen Projektionsfläche für ihre Träume. Und zur Heldenfigur künftiger Legenden.
Futter für den Mythenschatz.
Die deutsche Szene mit ihren rund 6000 sportlich ambitionierten Tischfußballern ist die größte der Welt, und dennoch: Man kennt sich. Wie jede eingeschworene Gemeinschaft hat auch sie ihre Identität stiftenden Mythen über charismatische Szene-Freaks, unvergessliche Duelle, chaotische Touren. Spätabends plaudern die einstigen Weltmeister Oktay Mann und Thierry Müller aus dem Nähkästchen. Die Zuhörer wischen sich Lachtränen aus den Augen. Reiseführer Volker fotografiert in höchster Erregung. So füttert man den Mythenschatz. Der Empfang in der Schulaula ist beendet. In der Turnhalle warten die Tische auf ihren Einsatz. Gröschl legt Blumen und Orden beiseite und übernimmt die Turnierleitung. An mehreren Tischen fehlen Gegner, die Spieler bei den Stangen zu halten erfordert logistisches Geschick. Wenige bleiben bis zu den hochklassigen Finals, kaum jemand interessiert sich für die Tricks der weitgereisten Cracks. Gröschl winkt ab und schmunzelt. „Wem willst du da böse sein?“ fragt er. „Schau dir an, was sie für einen Spaß haben!“ Die Weltherrschaft kann warten.